Presse über uns "In der Immobilienbranche ist der Druck besonders hoch" Die Art, wie sich Hans Wielens aus seinem Vorstandsamt bei der DB Bauspar verabschiedete, war ebenso stilvoll wie ungewöhnlich. In seinem Abschiedsvortrag sprach er über die "Angst der Manager" und die Konsequenzen für die Unternehmen. Eine Lösung sieht Wielens in der Zen-Meditation. Immobilien Zeitung: Herr Wielens, warum sollen Manager Zen-Meditation praktizieren? Hans Wielens: Weil es sie fähig macht, mit Veränderungen umzugehen. IZ: Genügt es dafür denn nicht, sich fortzubilden und ab und zu einen Manager-Motivationskurs mitzumachen? Wielens: Es geht darum, zu akzeptieren, daß sich die Welt pausenlos verändert und wir uns mit ihr. In der Praxis vieler Führungskräfte ist das Gegenteil der Fall: Man lebt mit der Angst im Hinterkopf, daß jede Art von Veränderung die eigene Position schwächen könnte. Und dann fängt man an, nicht mehr an die Sache zu denken, sondern nur noch an die Sicherung der eigenen Position. Ich glaube, dieser Weg führt in eine Sackgasse. Es geht darum, sich positiv im Wandel zu erfahren. IZ: Als Sie den Deutsche Bank-Konzern verließen, haben Sie von der "Angst der Manager" gesprochen ... Wielens: Ich habe das in vielen Banken und Konzernen beobachtet. Viele Führungskräfte gehen einen schrecklichen Leidensweg. Als ich noch in der Wirtschaft tätig war, habe ich beobachtet, daß viele Menschen in meinem Bekanntenkreis die merkwürdigsten Krankheiten bekamen, z.B. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Herzrhythmusstörungen, deren Ursache die Ärzte nicht feststellen konnten. Es handelte sich um psychosomatische Krankheiten, ein typisches Symptom unserer Zeit. Das sind körperliche Beschwerden, die auf Angstgefühle und Depression zurückzuführen sind. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, daß in den kommenden Jahren diese Krankheitsformen noch gewaltig zunehmen werden. IZ: Sehen Sie diese Gefahr auch für Manager in der Immobilienbranche? Wielens: Hier ist der Druck sogar besonders hoch, weil es ja bei jeder Entscheidung um sehr große Beträge geht. Außerdem ist man besonders großen Versuchungen ausgesetzt. Nirgends wird soviel geschmiert wie in der Immobilienwirtschaft. Sie ist ähnlich wie der Börsenhandel eine Branche, wo die Konsequenzen einer Entscheidung sehr weitreichend sind, zugleich die Irrtumswahrscheinlichkeit sehr hoch ist und die Entscheidung zudem häufig unter Zeitdruck gefällt werden muß. Da wäre es gut, wenn die Entscheidungsträger Menschen wären, die innerlich in der Balance sind. IZ: Braucht man immer den Leidensdruck, um etwas zu verändern? Wielens: Für die meisten Menschen ist der Weg zur Zen-Meditation ein Leidensweg, bei mir war das nicht anders. Eine Zeitlang dachte ich, ich könnte etwas gegen meine Probleme tun, indem ich einfach mehr für meine Gesundheit mache, mehr Sport treibe. Damals habe ich mit dem Golfspielen angefangen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem einfach nichts mehr geht. IZ: Hat Ihre Umgebung davon denn nichts bemerkt? Wielens: Das ist ja gerade das Gefährliche in einer Managerposition: Die Umwelt bemerkt meistens nichts, sie hält sehr lange an dem Bild fest, das sie sich einmal von jemandem gemacht hat. Bei mir hieß es immer: Der Wielens macht das schon, der setzt sich durch. Ich glaube, selbst wenn irgendwann nur noch ein Häufchen Asche auf meinem Platz gelegen hätte, hätte man gesagt: Die Asche macht das schon. IZ: Aber liegt Einsamkeit nicht in der Natur der Führungsposition? Wielens: Einsamkeit ist immer dann kein Problem, wenn man an sich selbst und den Sinn seiner Tätigkeit glaubt. Aber irgendwann im Lauf der Karriere wird es gefährlich. Ab einem gewissen Punkt können sich Körper und Seele nicht mehr entspannen. Bei mir drückte sich das in dem Empfinden aus, keine Bodenhaftung, keine innere Glaubwürdigkeit mehr zu besitzen. Ich schien meinen inneren Kompaß verloren zu haben. IZ: Und wie kam es zur Berührung mit Zen? Wielens: Durch einen Zufall. Ich las ein Buch über Hugo Lasalle, einen Priester, der zur Mission nach Japan gegangen war. Lasalle, ein gläubiger Jesuitenpater, nennt Zen "den alpinen Weg zu Gott". Das hat mich sehr berührt, da ich mein Leben lang bewußt den Kontakt mit solcher Art Meditation vermieden habe. Ich dachte, daß dies nicht mit der christlichen Religion vereinbar sei, daß man Buddhist sein müsse, um Zen zu praktizieren. Erst sehr spät merkte ich, daß diese Vorstellung falsch war, obwohl sie sehr weit verbreitet ist. Selbst heute heißt es in meinem Freundeskreis immer noch, "der Wielens mit seinem Buddhismus". Es gibt da viele Vorurteile. IZ: Wann haben Sie angefangen? Wielens: Noch zu meiner Zeit als Vorstand, als ich anfing, selbst unter psychosomatischen Beschwerden zu leiden. Als ich dann zu meditieren begann, ging es mir bald sehr gut. IZ: Wie hilft denn die Zen-Meditation? Wielens: Zen hilft, die Maske, die sich im Laufe des Lebens gebildet hat, nicht mehr so wichtig zu nehmen. Dadurch gelingt es, die innere Balance wiederzufinden, zu erkennen, was wirklich wichtig und richtig ist unabhängig davon, welche Auswirkungen man für sein Image oder seine Position sieht. Zen hilft, eine in sich ruhende Persönlichkeit wiederzufinden. Und die Macht einer in sich ruhenden Persönlichkeit ist ungeheuer groß. IZ: Also geht es letztlich doch um Macht? Wielens: Im Grunde geht es um Achtsamkeit. Zen führt die Menschen zur Achtsamkeit. Das bedeutet, hundertprozentig bei dem zu sein, was man gerade tut. Der Mensch von heute jongliert ja am liebsten mit zehn Bällen gleichzeitg. Aber irgendwann merkt er, daß er keine Sache mehr hundertprozentig tut. Wer Zazen, also die Zen-Meditation, betreibt, wird achtsamer auf alles, was in der eigenen Umgebung anfällt, und dadurch auch glaubwürdiger. Man kennt das ja aus Diskussionen im Unternehmen: Anstatt sich objektiv mit den Aussagen des anderen zu beschäftigen, ist die meiste Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die eigene Erwiderung zu formulieren. So enden Gespräche oft in Machtspielchen. IZ: Aber das ist doch Manager-Alltag, Herr Wielens ... Wielens: Natürlich geht es in solchen Sitzungen um Macht. Aber worauf es ankommt, ist doch die Macht der Überzeugung. Und eine Persönlichkeit, die in der Balance ist, tritt ganz anders auf. Wenn diese Person etwas sagt, hat das oft mehr Wirkung, als wenn andere Menschen stundenlange Vorträge halten. Weil es um die Sache geht und nicht um das Ego. IZ: Wie kann die Meditation helfen, zu dieser inneren Balance zu finden? Wielens: Das Zen-Sitzen ist eine Haltung, die die Blutzirkulation besonders fördert. Wenn man sitzt, geht es darum, zur Ruhe zu kommen, tief in den Bauch zu atmen und nicht bewußt zu denken. Dieses Nicht-Denken ist sehr schwierig. Der Körper scheint sich dagegen zu wehren, zur Ruhe zu kommen, die Zen-Lehrer nennen es: "Das Ego macht den Affen". Aber wenn man diesen Punkt überwunden hat und zur Ruhe gekommen ist, sieht man die Welt und die eigene Position plötzlich auf eine andere Art. Zen vermittelt das Gefühl, sich selbst und andere voll zu bejahen. In der Stille der Meditation wird man mit dem eigenen Ich konfrontiert. So entstehen Freiräume, in die Neues einströmen kann. Übrigens haben auch die japanischen Elitekrieger, die Samurai, immer die Kunst des Zen praktiziert. IZ: Und wie wirkt sich das auf die Arbeit aus? Wielens: Erstens: Man tut die Dinge nicht mehr nur, um einen Effekt zu erzielen. Man diskutiert anders, hört viel intensiver zu. Man erlangt die Fähigkeit, Gegensätze und Widersprüche zu ertragen, um daraus später eine Synthese zu bilden. Zweitens ist man besser in der Lage, den alltäglichen Streß zu bewältigen, das ist eine Fähigkeit, die viele Menschen in der heutigen Zeit nicht mehr besitzen. Und drittens verbessert sich der Zugang zu den eigenen Gefühlen. Haß oder Ärger wird nicht mehr verdrängt, nur um nach außen hin ausgeglichen zu erscheinen. Man erhält die Kraft, auch einmal zu sagen: Das oder das will ich nicht tun. Man erlangt die Fähigkeit, Erfolge zu verarbeiten und mit Mißerfolgen umzugehen. Wer steht denn heute noch zu seinen Fehlern? IZ: Ist in einem Konzern das Stehen zu den eigenen Fehlern denn die richtige Strategie? Wielens: Ich hatte damit nie ein Problem, habe meine Fehler sogar meist kritischer betrachtet als andere. Die Aussage, Konzerne machten die Menschen kaputt, halte ich für völligen Quatsch. Es ist der Mensch, der sich selber kaputtmacht. Und es ist der Mensch, der sich selbst hilft. Das geht aber nur, wenn man unabhängig wird von falschem Lob und falschem Tadel und auch von falschem Ehrgeiz. Umgekehrt heißt das: Wenn man mit sich selbst und seinem Leben nicht mehr im reinen ist, dann rächt sich das. Egal, auf welcher Hierarchiestufe man steht. IZ: Profitiert denn ein Unternehmen davon, wenn seine Manager von "falschem Ehrgeiz" frei sind? Wielens: Es ist ein Erfahrungswert, daß 70% aller Neuorganisationen fehlschlagen. Warum ist das so? Weil sie nicht in Ruhe durchdacht wurden, weil die Führungskräfte nicht offen über ihre Ängste oder Bedenken sprechen. Die Unternehmen können sich damit langfristig eine Menge Probleme einhandeln. Meine Zen-Lehrer fragen mich oft, was mein Ziel sei. Ich antworte: "Daß der Mensch besser funktioniert." Sie fragen: "Also daß er mehr arbeitet?", und ich antworte: "Nein, daß er qualitätvollere Arbeit abliefert und stärker er selbst wird!" IZ: Um möglichst vielen Ihrer ehemaligen Kollegen den Zugang zu dieser Form der Weiterbildung zu öffnen, haben Sie im September die Europäische Zen-Akademie gegründet. Wielens: Als Manager glaubt man erst einmal nicht, was irgendein Zen-Lehrer erzählt. Man glaubt nur jemandem, der die eigene Situation kennt. Außerdem sind diese Zen-Lehrer ein merkwürdiges Völkchen. Sie sind in tausend verschiedene Gruppen zersplittert, die miteinander keinen Kontakt pflegen. Wer sich hier nicht auskennt, weiß nicht, auf was oder wen er sich einläßt. Es ist also eine gewisse Vorsicht geboten. Ich möchte, daß die Zen-Lehrer, die an der Akademie lehren, sich öffentlich einem bestimmten Ethos verpflichten. Wer dagegen verstößt, darf mit uns nicht mehr zusammenarbeiten. IZ: Wie arbeitet die Zen-Akademie? Wielens: Wir bieten Zen-Sesshin an und werden Zen-Lehrer auswählen. Gerade bei der Zielgruppe, die ich ansprechen will, ist es notwendig, daß ein Angebot besteht. Zen-Lehrer sind nämlich ganz besondere Persönlichkeiten. Sie tun nichts für den "Markt", sondern lassen sich "finden". Zudem gibt es viele Schulen, deren Unterschiede ein Laie kaum erkennen kann. Das erschwert für Führungskräfte den Zugang. Hier hilft die Zen-Akademie dadurch, daß sie nur die renommiertesten und anerkanntesten Lehrer in ihr Programm aufnimmt und damit die beschwerliche Suche nach dem "richtigen" abnimmt. Unsere Referenten haben übrigens ausnahmslos einen Ordenshintergrund. Ich wollte mit christlichen Zen-Lehrern starten, um möglichst wenig Vorurteile aufzubauen. IZ: Wieviel Resonanz erwarten Sie? Wielens: Das ist ja das Schöne: Ich stehe unter keinerlei Erfolgsdruck. Ob ich damit allein bleibe oder nicht, ist mir im Grunde egal. Es macht mir einfach ungeheuer Spaß. IZ: Hätte es sich eigenlich auf Ihren Werdegang ausgewirkt, wenn Sie die Zen-Meditation früher eingesetzt hätten? Wielens: Auf jeden Fall. Ich hätte den Druck aus Situationen herausnehmen können, statt durch zackige Absprachen bei meinen Mitarbeitern Ängste zu produzieren. Ein Klima, das von Druck und Hektik geprägt ist, ist ja völlig unproduktiv. Ich bin überzeugt, daß durch Zen die Führungsfähigkeit erheblich gesteigert wird. Hätte ich frühzeitiger erkannt, wo das Problem liegt, hätte ich mich wahrscheinlich nicht pensionieren lassen. Ich fühle mich heute, als könnte ich die Arbeit der DB Bauspar noch vor dem Frühstück bewältigen! IZ: Welchen Rat möchten Sie Ihren Managerkollegen mit auf den Weg geben? Wielens: Gehe in dich! IZ: Vielen Dank für das Gespräch. (mol) Das Interview führten Alexandra May und Monika Leykam. Dr. Hans Wielens (61) war von 1987 bis März 2000 Vorstandsvorsitzender der Deutsche Bank Bauspar AG in Frankfurt am Main. Zuvor wurde er von der West LB zur Sanierung der DAL, der damals weltgrößten Immobilienleasinggesellschaft, berufen. Hans Wielens ist Honorarprofessor an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und Gründer der Europäischen Zen-Akademie für Führungskräfte.
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